Tipps und Anleitung für Gedichtsinterpretationen

 

Gedichtsinterpretationen sind ein fester Bestandteil des Deutschunterrichts und früher oder später wird jeder Schüler dazu aufgefordert, ein Gedicht zu analysieren und zu interpretieren. Viele Schüler tun sich jedoch aus unterschiedlichen Gründen recht schwer mit Gedichtsinterpretationen.

Während einige Schüler keinen richtigen Zugang zu einem Gedicht als solches finden, fürchten andere Schüler, am Gedicht vorbeizuinterpretieren und damit letztlich das Thema zu verfehlen. Wieder andere Schüler wissen schlichtweg nicht, wie sie am besten vorgehen sollten und worauf es überhaupt bei einer Gedichtsinterpretation ankommt.

 

Mit den richtigen Tipps und einer nachvollziehbaren Anleitung ist es aber gar nicht so schwer, Gedichtsinterpretationen zu schreiben, wie es auf den ersten Blick erscheint.

 

Grundsätzliches zu Gedichtsinterpretationen vorweg

Oft besteht die größte Sorge im Zusammenhang mit einer Gedichtsinterpretation in der Befürchtung, das Gedicht schlichtweg falsch zu verstehen. Teilweise wird in Gedichten eine andere, bildhafte Sprache verwendet, zudem haben Menschen, die vor vielen Jahren gelebt haben, sicherlich anders gedacht und empfunden als Menschen, die heute leben. Hier liegt allerdings schon der erste Denkfehler.

Bei einer Gedichtsinterpretation geht es nicht unbedingt darum, aufzuzeigen, was der Dichter gedacht hat, denn dies weiß letztlich nur er selbst. Es geht bei einer Gedichtsinterpretation darum, aufzuzeigen, was der Dichter gedacht haben könnte. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass es keine richtigen oder falschen Interpretationen gibt. Jeden Gedankengang, der mit einer Textstelle belegt und schlüssig erklärt und begründet werden kann, muss der Lehrer als richtig gelten lassen, sofern er der Aufgabenstellung und der Gesamtinterpretation nicht völlig widerspricht.

Eine Gedichtsinterpretation ist somit kein Erfahrungsbericht, in dem frei die eigenen Empfindungen in gesammelter Form wiedergegeben werden, sondern bei einer Gedichtsinterpretation kommt es darauf an, die eigenen Gedanken anhand von zitierten Textstellen aufzuzeigen und zu begründen.

Neben der inhaltlichen Interpretation ist die Analyse des formalen Aufbaus das zweite Standbein einer Gedichtsinterpretation. Hier liegt eine typische Fehlerquelle, denn viele Schüler konzentrieren sich auf die rhetorischen Stilmittel, auf das Reinschema oder auf das Metrum. Dabei vergessen sie aber, die einfachsten Dinge ebenfalls zu benennen, etwa die Anzahl der Strophen und der Verse oder den Namen des Dichters. Es mag zwar etwas komisch anmuten, solche Offensichtlichkeiten und Selbstverständlichkeiten extra anzugeben, bei einer Gedichtsinterpretation gehört es aber eben dazu.   

 

Die Vorgehensweise bei Gedichtsinterpretationen

Die Interpretation von Inhalt und Aufbau sind die beiden Standbeine einer Gedichtsinterpretation. Nun kommt es aber darauf an, diese beiden Standbeine miteinander zu verbinden. Das bedeutet, aus der Gedichtsinterpretation muss beispielsweise hervorgehen, weshalb der Dichter ausgerechnet dieses Versmaß an dieser Stelle verwendet hat oder weshalb gerade an jener Stelle der Rhythmus wechselt. Als Grundregel dabei gilt, dass alle eingesetzten Mittel in einem Gedicht eine bestimmte Absicht verfolgen. So kann es beispielsweise sein, dass der Dichter den Inhalt betonen, die Stimmung und den Ausdruck unterstreichen oder auch einfach nur eine bestimmte Gedichtform einhalten wollte.

Beim Verfassen einer Gedichtsinterpretation hat es sich bewährt, das Gedicht zuerst genau zu lesen und alles zu markieren, was auf den ersten Blick offensichtlich und spontan aufgefallen ist.

 

Als nächstes kann das Gedicht dann genauer untersucht werden und hier erweisen sich folgende Fragen als hilfreich:

  

  1. Aus welcher Zeit stammt das Gedicht? Jede literarische Epoche kennzeichnet sich durch eine bestimmte Denkweise und typische Motive. So steht im Barock beispielsweise die Vergänglichkeit oft im Mittelpunkt, während Sehnsucht und die Natur zentrale Themen der Romantik sind. Etwas geschichtliches Hintergrundwissen ist also sehr hilfreich, wobei in der Schule die jeweilige Epoche meist im Vorfeld schon bekannt ist.
  2. Wer hat das Gedicht geschrieben? Viele Dichter haben ihre eigene Handschrift, also eine für sie typische Ausdrucksweise. Zudem gibt es Dichter, deren Werke von einem zentralen Motiv geprägt sind. Wichtige Anhaltspunkte hierfür bietet üblicherweise der Lebenslauf des Autors. 
  3. Wie wirkt das Gedicht? Gedichte können beispielsweise traurig, düster, fröhlich, romantisch oder verwirrend wirken. Der erste Eindruck beim Lesen gibt oft die Richtung für die Interpretation vor.
  4. Wie ist die Sprache? Einige Gedichte sind in einer einfachen, klaren und alltagsnahen Sprache verfasst, andere nutzen Bilder oder abstrakte Formulierungen. Die Sätze können kurz und hauptsächlich Hauptsätze sein oder das Gedicht kann aus langen, verschachtelten Sätzen mit vielen Nebensätzen und Einschüben bestehen. Zudem gibt es Gedichte, in denen immer wieder bestimmte Schlüsselworte fallen. Auch die Wortart spielt eine Rolle, vor allem wenn das Gedicht von einer Wortart dominiert ist.
  5. Wie viele Strophen und Verse hat das Gedicht? Der Aufbau des Gedichts kann auf eine bestimmte Gedichtsform hinweisen, beispielsweise auf ein Sonett oder ein Quartett.
  6. Welche Reime kommen vor? Die am häufigsten vorkommenden Reime sind der Paarreim (AABB), der Kreuzreim (ABAB), der umarmende Reim (ABBA) und der Schweifreim (AABCCB).
  7. Gibt es ein Metrum? Die vier wichtigsten Metren sind der Jambus (zwei Silben, zweite Silbe betont), der Trochäus (zwei Silben, erste Silbe betont), der Daktylus (drei Silben, erste Silbe betont) und der Anapäst (drei Silben, dritte Silbe betont). Wichtig ist, darauf zu achten, ob das Metrum das gesamte Gedicht über gleich bleibt. Durch Wechsel soll üblicherweise eine Stelle besonders betont werden.
  8. Wie ist die Klangfarbe? Bestimmten Buchstaben und Lauten werden unterschiedliche Eigenschaften zugeordnet. A, O und U gelten als dunkle Vokale, die eine ruhige, düstere und teils geheimnisvolle Stimmung verstärken können. E, I und Ü gelten als helle Vokale, die lebendig und freundlich wirken. L, M und N gelten als weiche Konsonanten, während K, P und T als harte Konsonanten bezeichnet werden. 
  9. Wer spricht? In Gedichten spricht häufig das sogenannte lyrische Ich. Selbst wenn ein Gedicht in Ich-Form geschrieben ist, heißt das also nicht unbedingt, dass der Dichter selbst spricht, sondern er kann eine Erzählfigur geschaffen haben. Wichtig ist, die Erzählfigur und ihre Stimmung genau zu betrachten und auch zu überprüfen, wen die Erzählfigur wie und weshalb anspricht.
  10. Fällt sonst noch etwas auf? Es gibt unzählige Stilmittel, so dass es wenig Sinn macht, alle auswendig lernen zu wollen. Die Stilmittel, die im Unterricht besprochen wurden, sollten natürlich sitzen, ansonsten kann auch in eigenen Worten beschrieben werden, was auffällig ist.

 

Der Aufbau von Gedichtsinterpretationen

Es gibt keine pauschale Anleitung für den Aufbau einer Gedichtsinterpretation. Dies liegt daran, dass es unterschiedliche Varianten von Gedichtsinterpretationen gibt. So wird ein Gedichtsvergleich beispielsweise anders geschrieben als eine Analyse unter bestimmten Gesichtspunkten. Zudem können je nach Lehrer und Schule unterschiedliche Anforderungen gelten.

 

Grundsätzlich hat sich aber folgendes Schema bewährt:

  • Einleitung. 

Die Einleitung kann verschiedene Aspekte beinhalten. So ist es beispielsweise möglich, kurz über den Dichter und die Epoche zu schreiben, sich über das Thema des Gedichts im Allgemeinen zu äußern oder auch über einen aktuellen Anlass zu berichten, der zu dem Gedicht passt.

  • Inhaltsangabe.

Im nächsten Abschnitt geht es darum, den Inhalt des Gedichts zusammenzufassen. Wichtig hierbei ist, auf die Sinnesabschnitte zu achten. Sinnesabschnitte können Strophen sein, aber auch beispielsweise Ortswechsel, neue Gedanken oder Personen, die auftauchen oder verschwinden.

  • Angaben zum Aufbau.

In diesem Abschnitt wird der Aufbau des Gedichts im Hinblick auf Form und Sprache analysiert. Hier sollte aber keine bloße Aufzählung stehen, sondern hier sollten schon erste Interpretationen einfließen.

  • Zusammenfassende Interpretation.

Hier werden die inhaltlichen und formalen Analysen noch einmal aufgegriffen und zusammenfassend interpretiert. Dabei dürfen natürlich bereits erwähnte Interpretationen nicht einfach nur wiederholt werden, sondern hier geht es darum, die angestoßenen Gedanken aus- und weiterzuführen.

Schluss.

Die Gedichtsinterpretation endet mit einem Schlussgedanken. Dieser kann eine Art Fazit sein, einen persönlichen Gedanken wiedergeben oder auch eine Aussage aus der Einleitung wiederholen. Möglich ist außerdem, die Interpretation mit einem passenden Zitat aus dem Gedicht zu beenden.

 

Weiterführende Anleitungen, Vorlagen und Tipps zum Schreiben:

Tipps – um das kreative Schreiben zu lernen
Schritte zum eigenen Buch
Was ist eigentlich ein Bestseller?
Schreiben Tabellen und Grafiken
Versprecher die zum Wortschatz gehören

Thema: Tipps und Anleitung für Gedichtsinterpretationen

3 Responses to “Tipps und Anleitung für Gedichtsinterpretationen”

  1. Gunnar Says:

    Super Blog, sehr informativ und schoen gemacht.

  2. Udo Says:

    Laut Wiki heißt es Gedichtinterpretation. Ohne “s” mittendrin.
    Warum eigentlich?
    Wo es sich doch um die Interpretation eines Gedichtes handelt?
    Also eine Wessen- Frage !
    Genetiv. Ja, im Netz steht auch Gedichtinterpretation. Und Millionen Fliegen können mal nun nicht irren.

    Aber:

    Es heiß aucht:
    Inhaltsanzeige
    Geschichtsbuch
    Gesichtswasser

    Und das Rezept des Erfolges ist doch schließlich auch ein Erfolgsrezept und kein Erfolgrezept. Und weil die Interpretation die eines Gedichtes ist, glaube ich, dass es auch Gedichtsinterpretation heißen sollte.

    Danke übrigens fü deine Seite!

  3. Ilka Says:

    Hier handelt es sich um das Problem des “Fugen-s”.

    Es gibt zwar Regeln (wie z.B. den Genitiv), aber auch sehr viele Ausnahmen.
    Deshalb ist die Beherrschung des Fugen-s reines Nachschlagen und Auswendiglernen!

    Z.B. heißt es ja auch nicht: Gartenszaun.

    Tolle Seite, wow! Ich finde es toll, dass hier so viele verschiedene Text- und Briefsorten beschrieben werden!

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