Die Geschichte der Kinderliteratur

Figuren aus Kinderbüchern regen die Phantasie an und laden zum Träumen ein. Sie erzählen von Sehnsüchten und Wünschen, greifen kindliche Ideen und Gedanken auf oder spiegeln Sorgen und Ängste wider. So mancher Held aus einem Kinderbuch wird bis ins hohe Erwachsenenalter hinein zum treuen Begleiter.

Aber die Kinderliteratur als eigene literarische Gattung ist erst recht spät entstanden und hat sich im Laufe der Zeit immer wieder deutlich verändert. Grund genug, sich einmal näher mit der Geschichte der Kinderliteratur zu beschäftigen.

Hier also ein Überblick:

Die Entstehung der Kinderliteratur

Bis in 18. Jahrhundert hinein gab es keine Literatur, die eigens für Kinder geschrieben war. Kinder galten als kleine Erwachsene und die Kindheit wurde als eine Art Übergangsphase gesehen. Erst durch das Werk Emil oder Über die Erziehung von Jean-Jaques Rousseau aus dem Jahre 1762 verbreitete sich allmählich die Erkenntnis, dass Kinder anders sehen, denken und fühlen als Erwachsene.

Rousseau setzte sich für eine Pädagogik ein, die von der kindlichen Sichtweise und Wahrnehmung ausgeht. Als Mittel für die Durchsetzung seiner Ideen sollten Bücher zum Einsatz kommen. So wurde zwischen 1170 und 1790 mit der Kinderliteratur ein neues Genre erfunden.

Die frühe Kinderliteratur war stark von Moral und Pädagogik geprägt. Die Schriftsteller wollten ihr junges Publikum nicht unbedingt unterhalten, sondern vor allem belehren. Dies sollte sich dann im Zeitalter der Romantik und des Biedermeier ändern. Die fast schon poetische Vorstellung des reinen und vollkommenen Kindes seinerzeit kam auch in der Kinderliteratur zum Ausdruck.

Die Texte wurden sanfter und lieblicher und durch niedliche Bildchen liebevoll illustriert. 1845 kam es schließlich zum großen Bruch mit dieser Tradition. Der Arzt Heinrich Hoffmann erzählte in seinem Buch Struwwelpeter Geschichten von Kindern, die nicht brav und artig auf ihre Eltern hörten und deshalb die Folgen ihres Fehlverhaltens erleben mussten. Sein Buch sollte zu einem der berühmtesten und erfolgreichsten deutschen Kinderbücher aller Zeiten werden.

Die Kinderliteratur im 19. Jahrhundert

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich die Kinderliteratur zunehmend mit der Realität. Gleichzeitig rückten pädagogische Absichten und moralische Belehrungen in den Hintergrund, während der Unterhaltungsfaktor und der Spaß am Schreiben an Bedeutung gewannen.

Ein Beispiel hierfür ist der Kinderklassiker Max und Moritz aus dem Jahre 1865, in dem Wilhelm Busch die Moralvorstellungen des spießigen Kleinbürgertums aufs Korn nahm. Auch in Mark Twains Tom Sawyer aus dem Jahre 1876 ging es nicht um Pädagogik, sondern um unterhaltsame Abenteuer.

Dabei ist der Waisenjunge Tom der erste Kinderbuchheld, der weder übertrieben noch lieblich überzeichnet war, sondern tatsächlich ein echter, realer Junge hätte sein können.

Speziell für Mädchen wurde mit der sogenannten Backfischliteratur ein Genre erfunden, das Rat und Hilfestellung für das Leben bieten sollte. Ein Klassiker aus diesem Bereich ist Der Trotzkopf, der 1885 erschien. Das Buch erzählt die Geschichte des Mädchens Ilse, die sich trotzig und widerspenstig allen Erziehungsversuchen widersetzt, bis sie schließlich im Internat zur Dame herangezogen wird und ihren Weg in ein standesgemäßes Leben findet.

Die Backfischliteratur war so erfolgreich, dass die Schriftsteller ihre Mädchenbücher gerne als Serien verfassten. Der Trotzkopf oder das Nesthäkchen aus dem Jahre 1913 sind zwei berühmte Beispiele von früher Mädchenliteratur in mehreren Bänden, die Hanni und Nanni-Bücher ein Beispiel für einen modernen Nachfolger.

Ende des 19. Jahrhunderts begann eine Zeit, in der die Zivilisation immer mehr als Gegenteil von der Natur angesehen wurde. Diese Haltung kam auch in der Kinderliteratur zum Ausdruck. Ein berühmtes Beispiel ist das Buch Heidi aus dem Jahre 1882.

Die Geschichte erzählt von der kleinen Heidi, die sich in der kalten, nüchternen Großstadt Frankfurt überhaupt nicht einleben kann und sich trotz anfänglicher Schwierigkeiten mit ihrem Großvater auf die idyllische Alm zurücksehnt. Die Sorge darüber, dass sich der Mensch und die Natur immer weiter voneinander entfernen, blieb auch in den Folgejahren ein wichtiges Thema in der Kinderliteratur. Das Dschungelbuch aus dem Jahre 1894 oder auch die Erzählungen von der Biene Maja aus dem Jahre 1912 sind zwei Beispiele dafür.

Die Kinderliteratur des 20. Jahrhunderts

In den 1920er-Jahren führte die sogenannte neue Sachlichkeit dazu, dass sich das Bild von der Großstadt komplett veränderte. Bücher wie Kai aus der Kiste begeisterten die Leserschaft vom Leben in einer modernen und dynamischen Großstadt. Erich Kästner wiederum wies auf soziale Probleme hin.

So machte er beispielsweise in Emil und die Detektive finanzielle Nöte und im Buch Das doppelte Lottchen die Sorgen von Scheidungskindern zum Thema. In der Nachkriegszeit verfolgte die Kinderliteratur das Ziel, Kinder einerseits zu unterhalten und andererseits Raum für ihre Wünsche, Träume und Hoffnungen zu schaffen.

So ließ sich etwa Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf nicht in ihre Ideen von der Welt hineinreden und wurde so zur Heldin für Generationen von Kindern, während Michael Ende in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer mit der Insel Lummerland einen Staat nach kindlichen Vorstellungen kreierte.

Die Kinderbücher in den 1950er- und 1960er-Jahren luden die Kinder wie in Die Kleine Hexe von Otfried Preußler in schöne Phantasiewelten ein und stellten ihnen erdachte Freunde an die Seite. Aber auch Kritik an der teils schwierigen Lebenssituation in der Nachkriegszeit kam zum Ausdruck, ein Beispiel hierfür ist Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen von James Krüss.

Die Kinderliteratur von heute

Mit der Studentenbewegung in den 1970er-Jahren kam Kinderliteratur, die in Phantasiewelten spielte, aus der Mode. Stattdessen sollte die Literatur für Kinder die Realität problemorientiert beleuchten und, statt eine heile Welt vorzuspielen, schonungslos aufklären.

Kinderbücher wie das Nein-Buch für Kinder von Susanne Kilian, der Antistruwwelpeter von Friedrich Karl Waechter oder Die grauen und die grünen Felder von Ursula Wölfel eroberten die Regale in Buchläden und Kinderzimmern. Schon Ende der 1970er-Jahre ließ der RAF-Terror die Schriftsteller aber wieder etwas weniger radikal von der wahren Welt erzählen und die Kinderbücher wurden wie in Janoschs Oh wie schön ist Panama wieder etwas versöhnlicher.

1980 gelang es Michael Ende mit seiner Unendlichen Geschichte, zum ersten Mal ein Kinderbuch in der Spiegel-Beststellerliste zu platzieren.

Die bildreiche Sprache, die es dem jungen Leser ermöglicht, mit der Romanfigur zu verschmelzen und ihr in das Phantasiereich zu folgen, war eine völlig neue Erzähltechnik. Generell greifen moderne Kinderbücher neue Techniken auf, um ihre Geschichten zu erzählen.

So sind sie mal aus der Sicht eines kindlichen Held geschrieben, mal spielen sie so mit zeitlichen Abläufen, wie ein Kind Zeit wahrnimmt. Zudem führen moderne Kinderbücher ihre jungen Leser auch behutsam an schwierige und problematische Themen wie Krankheiten oder Verluste heran. Ganz klassische Zutaten wie Magie, Rätsel, Abenteuer und Geschichten aus dem Internat begeistern die Kids von heute aber noch genauso wie die Kinder von früher. Ein eindrucksvoller Beleg dafür ist Joanne K. Rowlings Harry Potter.

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