Hintergrundwissen zum Märchen

 

Viele der bekannten Märchen sind schon sehr, sehr alt. Doch erst durch die Märchensammlung der Gebrüder Grimm entstand die Bezeichnung Märchen für Geschichten, die bis dahin immer nur mündlich erzählt worden waren. Heute sind Märchen aus der Kinderliteratur nicht mehr wegzudenken und vor allem die alten Märchen erfreuen sich nach wie vor sehr großer Beliebtheit.

Aber wie sind Märchen eigentlich entstanden? Und was zeichnet die Phantasiegeschichten aus?

 

Hintergrundwissen zum Märchen

Märchen gibt es in vielen verschiedenen Varianten, von Fabeln und Sagen über Tiergeschichten bis hin zu romantischen Liebeserzählungen. Feen und Hexen, Zwerge und Riesen, Könige, Prinzessinnen und arme Bauersleute, Tiere und Pflanzen, die sprechen können, oder Drachen und andere Fabelwesen gehören zu den typischen Figuren in Märchen. Ein charakteristisches Merkmal der Märchenfiguren ist, dass sie große Gegensätze beschreiben.

So ist eine Märchenfigur entweder wunderschön oder sehr hässlich, entweder sehr klug oder dumm, entweder mutig und tapfer oder feige, entweder gut oder böse. Daneben sind Zahlen- und Farbsymboliken klassische Zutaten. Prägende Elemente sind beispielsweise die Zahl Sieben (etwa die sieben Zwerge oder die sieben Geißlein) und die Zahl

Drei (z.B. drei Wünsche frei haben). Bei den Farben kommt vor allem Gold und Silber eine besondere Bedeutung zu. Außerdem gibt es zwei Phrasen, die fest zu Märchen gehören. Diese sind zum einen “Es war einmal …” als Einleitung und zum anderen “… und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.” als Schlusssatz. Durch diese beiden Phrasen erhalten Märchen eine zeitlose und letztlich immer aktuelle Note.

Die Handlung in Märchen erzählt üblicherweise von einem Konflikt, der ein glückliches Ende nimmt. Die Hauptfigur muss einen schweren Schicksalsschlag überstehen, verschiedene Abenteuer meistern, sich großen Herausforderungen stellen oder mit schwierigen Umständen zurechtkommen. Schließlich geht sie jedoch gestärkt aus der Situation hervor, wird für ihre Tapferkeit belohnt und findet ihr Glück.

 

Die Entstehung des Märchens

Schon die frühen Hochkulturen kannten Geschichten mit märchenhaften Zügen. So gibt es beispielsweise aus dem alten Ägypten zahlreiche Überlieferungen von Tier- und Zaubergeschichten. Das Gilgamesch-Epos der Sumerer, das Schätzungen zufolge aus dem 12. Jahrhundert vor Christus stammt und als älteste literarische Dichtung überhaupt gilt, enthält ebenfalls viele märchenähnliche Passagen.

Sagen und Epen der alten Griechen zeugen davon, dass es seinerzeit einen großen Schatz an Märchen gegeben haben muss. Auch im Fernen Osten und im Vorderen Orient hat das Geschichtenerzählen eine sehr lange Tradition. In Europa kamen Märchen durch Kaufleute, Pilger und Seefahrer auf, die spannenden Stoff für phantastische Geschichten von ihren Reisen mitbrachten. 

Lange Zeit wurden Märchen mündlich überliefert und von Geschichtenerzählern oder Schaustellern vorgetragen. Erste Märchenzyklen entstanden im Italien des 16. und 17. Jahrhunderts, als Giovanni Straparola und Giovanni Battista Basile ihre Feenmärchen präsentierten. 1697 legte der Franzose Charles Perrault eine Märchensammlung vor, die die Basis für Märchen wie „Dornröschen“, „Der gestiefelte Kater“ oder „Rotkäppchen“ schuf.

Sieben Jahre später erschien Antoine Gallands Übersetzung der „Geschichten aus 1001 Nacht“, die noch einmal komplett neue Märchenwelten eröffnete. Ihren wirklichen Durchbruch erlebten Märchen aber erst durch die Gebrüder Grimm. Jacob und Wilhelm Grimm hatten erkannt, wie reizvoll das mündlich überlieferte Erzählgut war und wie viel es über die Kultur eines Volkes aussagte.

Um diesen Schatz zu bewahren, ließen sie sich Märchen erzählen und schrieben sie auf. Den größten Beitrag zu der Sammlung leistete die hessische Bäuerin Dorothea Viehmann, die den Brüdern über 40 verschiedene, meist französische Märchen erzählen konnte. 1812 und 1815 erschienen die „Kinder- und Hausmärchen“.

Obwohl die Brüder nicht mit einem wirtschaftlichen Erfolg gerechnet hatten, stießen die Märchen auf großes Interesse. Damit war der Grundstein für die deutsche Märchentradition gelegt. Gleichzeitig wurde auch die Wissenschaft auf die Phantasiegeschichten aufmerksam.

 

Die Diskussion um das Märchen

Die meisten Märchen nehmen ein gutes, glückliches Ende. Trotzdem sind viele Märchen alles andere als harmlose Geschichten. Stattdessen erzählen sie nicht selten schaurige und gruselige Horrorgeschichten, in denen Angst, Verbrechen und der Tod allgegenwärtig sind. Die Diskussion darüber, ob Märchen tatsächlich für Kinderohren geeignet sind oder ob sie gerade kleinen Kindern nicht viel zu viel Angst einjagen, ist deshalb schon so alt wie die Märchensammlung der Gebrüder Grimm.

Gestützt wird die Diskussion davon, dass Märchen gar nicht als Kindergeschichten gedacht waren. Märchen wurden während der Hausarbeit, an kalten, dunklen Winterabenden oder auf öffentlichen Plätzen erzählt und sollten die Erwachsenen unterhalten. Erst sehr viel später wurden Märchen zu einem wichtigen Genre der Kinder- und Jugendliteratur. Die Gegenseite führt an, dass Märchen Kindern eine Phantasiewelt bieten, mit der sie sich identifizieren können.

Gerade Kinder, die beispielsweise in schwierigen Verhältnissen aufwachsen oder eine problematische Familienphase erleben, erkennen sich in Märchen wie “Aschenputtel” oder “Schneewittchen” wieder. Durch die Märchen lassen sich dann nicht nur Parallelen zur eigenen Situation ziehen. Stattdessen geben die Märchen auch Hoffnung und machen Mut, eben weil sie allen Widrigkeiten zum Trotz ein glückliches Ende nehmen.

 

Märchen heute

Auch wenn regelmäßig neue Geschichten und Romane für Kinder und Jugendliche auf den Markt kommen, bleiben Studien zufolge die alten, traditionellen Volksmärchen die Favoriten der Kids. Ein Grund hierfür mag sein, dass Märchen nie an Aktualität verlieren, sondern immer auf das Hier und Jetzt übertragen werden können.

Ein anderer Grund könnte sein, dass Märchen verschiedenste Deutungen zulassen und sich so immer wieder neue Phantasien und Betrachtungsmöglichkeiten entwickeln können. Hinzu kommt, dass sich Märchen einprägen. Viele Eltern und Großeltern erzählen oder lesen ihren Kindern und Enkeln heute die Märchen vor, die sie aus ihren eigenen Kindertagen kennen.

Auch die Psychologie und die Psychotherapie arbeiten übrigens gerne mit den klassischen Märchen. Sie nutzen die Geschichten, um mithilfe der Figuren und deren Erlebnisse Rückschlüsse auf die Gefühlswelt der Kinder ziehen, verdrängte Ereignisse aufspüren und Traumata aufarbeiten zu können.

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