Über Menschen mit Migrationshintergrund schreiben – 5 Praxistipps 

Von einem Journalist wird verlangt, dass er fair und sachlich berichtet. Ein Autor hat da weit mehr Spielraum. Denn schließlich schreibt er seine Geschichte, die er sich ausgedacht hat und die er folglich so erzählen kann, wie er das möchte. Ein Freibrief ohne jegliche Grenzen ist das aber nicht.

Gerade in Zeiten, in denen Schlagzeilen über Flüchtlinge, Zuwanderer und rechte Strömungen die Schlagzeilen dominieren, kann der Autor seinen Beitrag zu einer differenzieren Sicht auf die Dinge leisten. Doch was heißt das für die Schreibpraxis? Was kann der Autor schreiben? Welche Begriffe und welche Bilder kann er verwenden? Wann überschreitet er Grenzen?

Hier sind fünf Praxistipps zum Schreiben
über Menschen mit Migrationshintergrund:

 

Praxistipp 1: Vorsicht mit Klischees!

Geht es um Menschen mit ausländischen Wurzeln, werden sehr häufig klischeehafte Bilder verwendet. So tragen grundsätzlich alle Frauen Kopftuch und sprechen kaum Deutsch, weil sie sich zu Hause um die vielen Kinder kümmern müssen. Die Männer wiederum sind entweder Fabrikarbeiter oder betreiben Dönerbuden, Obststände oder Lebensmittelläden.

Stammen die Menschen aus Osteuropa, so klauen die Männer alles, was nicht niet- und nagelfest ist, während sich die Frauen prostituieren. Der Kontext, in dem Menschen mit ausländischen Wurzeln erwähnt werden, ist meistens problematisch, egal ob es um die Religion, den Alltag an deutschen Schulen oder das gesellschaftliche Leben geht. Auch Bilder, die eigentlich positiv gemeint sind, verkehren sich bei genauerem Hinsehen ins Gegenteil.

So wird gerne von den freundlichen und immer gut gelaunten Afrikanern berichtet, die fröhlich singen und ständig tanzen, weil sie ja den Rhythmus im Blut haben. Letztlich bedeutet das aber, dass sie nicht viel anderes können, als eben zu singen und zu tanzen. Schneidet ein Sohn arabischer Eltern jedoch als Jahrgangsbester bei einer Abschlussprüfung ab, arbeitet eine iranische Frau als Fernsehmoderatorin oder wird ein Farbiger mit einem Wissenschaftspreis ausgezeichnet, so wird dies als rühmliche Ausnahme mit fast schon Wundercharakter dargestellt.

Durch stereotype Schilderungen macht es sich der Autor nicht nur zu einfach. Stattdessen trägt er dazu bei, dass sich Bilder verfestigen, die alle in einen Topf werfen. Natürlich steht es jedem Autor frei, den Protagonisten seiner Geschichte so auszugestalten, wie es seiner Idee entspricht. Aber fraglich ist, ob sich der Autor dabei wirklich an allgemeinen Klischees bedienen muss. 

 

Praxistipp 2: Die Dinge beim Namen nennen.

So mancher Autor tut sich schwer damit, die richtigen Formulierungen zu finden. Denn oft herrscht Unsicherheit darüber, was politisch korrekt ist, welche Begriffe als Diskriminierung empfunden werden und welche Bezeichnungen gar nicht mehr erlaubt sind. Das Ergebnis sind dann häufig Ausdrücke, die so wage oder umständlich sind, dass kaum ein Leser etwas damit anzufangen weiß.

Natürlich sollte ein Autor mit der Sprache umgehen können. Und wenn Bedarf besteht, sollte er sich das nötige Wissen aneignen. Der “Neue deutsche Medienmacher e.V.” beispielweise stellt ein PDF mit zahlreichen Formulierungshilfen zur Verfügung. Andererseits sollte der Autor den Mut haben, die Dinge beim Namen zu nennen. Er muss sich nicht hinter leeren Phrasen und wohlklingenden Umschreibungen verstecken, sondern sollte sich die künstlerische Freiheit nehmen, auf den Punkt zu kommen.

 

Praxistipp 3: Kein Thema aus etwas machen, das kein Thema ist.

In vielen Berichten und Geschichten wird die Herkunft des Protagonisten thematisiert, obwohl es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Häufig schwingt dabei dann auch als Unterton mit, dass der Protagonist trotz seiner Wurzeln und seiner Lebensgeschichte seinen eigenen Weg gegangen oder etwas erreicht hat.

So, als wäre es ein Handicap, dass der Protagonist in einem anderen Land geboren, als Kind von Einwanderern aufgewachsen oder mit anderen kulturellen oder religiösen Traditionen groß geworden ist. In diesem Zuge lenkt so mancher Autor die Aufmerksamkeit zudem nur auf die Schwierigkeiten und Hindernisse. Er arbeitet also in erster Linie heraus, dass es der Protagonist aufgrund der Sprache, der Sitten oder der Werte schwerer hatte.

Dass es ein großer Vorteil sein kann, zweisprachig aufzuwachsen oder zwei Kulturkreise kennenzulernen, wird nur selten erwähnt. Unabhängig davon sollte es in einer Geschichte um den Protagonisten als Person und als Persönlichkeit gehen. Wenn die Herkunft des Protagonisten für die Geschichte keine nennenswerte Bedeutung hat, gibt es keinen Grund, ein Riesenthema daraus zu machen.

Ist der Protagonist beispielsweise Experte auf einem Fachgebiet, ein erfolgreicher Geschäftsmann oder ein treusorgender Familienmensch, dann sollte sich der Autor darauf konzentrieren. Es ist für die Geschichte nicht notwendig, ständig nach einem Bezug auf die ausländischen Wurzeln zu suchen oder den Protagonisten gar darauf zu reduzieren.

 

Praxistipp 4: Das große Ganze sehen.

So mancher Autor neigt dazu, zwei Gruppen voneinander zu unterscheiden. So gibt es auf der einen Seite das “Wir”, dem “die Anderen” gegenüberstehen. Spätestens an dieser Stelle muss sich der Autor aber die Frage stellen und gefallen lassen, wer dieses “Wir” denn ist. Sind damit diejenigen gemeint, die in Deutschland geboren sind? Diejenigen, die einen deutschen Pass haben? Oder nur diejenigen, die seit Generationen und ohne Ausnahme Deutsche sind?

Autoren und auch Journalisten sollten die Normalität und die Realität nicht aus den Augen verlieren. Die Gesellschaft in Deutschland besteht seit jeher aus vielen verschiedenen ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen, die miteinander leben und voneinander profitieren. Und es gibt keine Menschen mit ausländischen Wurzeln, die mal mehr und mal weniger Ausländer sind.

Der Lieblingsitaliener um die Ecke, der freundliche arabische Nachbar aus dem zweiten Stock oder die nette Griechin, die auf dem Wochenmarkt Oliven und Schafskäse verkauft, ist genauso Teil der Gesellschaft wie der örtliche Bäcker mit dem familiären Traditionsbetrieb oder die inzwischen pensionierte Grundschullehrerin aus dem Erdgeschoss. Statt in Gruppen und Kategorien zu denken, sollte der Autor also die Gesellschaft als Ganzes sehen und seine Geschichte mit dem notwendigen Weitblick betrachten.

 

Praxistipp 5: Nicht nur über, sondern mit den Menschen sprechen.

Wenn der Autor eine Geschichte erzählen möchte, dann muss er wissen, was und worüber er erzählt. Das wiederum setzt voraus, dass sich der Autor die Zeit nimmt, um sich im Vorfeld zu informieren und zu recherchieren. Natürlich muss der Autor nichts beschönigen und Dinge, die er als negativ empfunden hat, unter den Teppich kehren. Doch bevor er sich eine Wertung erlaubt, sollte er diejenigen zu Wort kommen lassen, um die es geht.

Möchte der Autor eine überzeugende Story liefern, darf er nicht nur über die Menschen sprechen, sondern muss sich auch und vor allem mit ihnen austauschen. Und gerade im direkten Gespräch erhält der Autor Einblicke und kann Ideen für seine Geschichte sammeln, auf die er sonst womöglich nie gekommen wäre.

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