Was ist eine Erzählung?

Wenn von einer Erzählung die Rede ist, denken viele im ersten Moment an etwas Erzähltes im Sinne von einer Geschichte oder Inhalten, die eine Person einer anderen Person in einem Gespräch erzählt hat. Aber eine Erzählung kann selbstverständlich auch schriftlich vorliegen. In der Literaturwissenschaft steht der Begriff Erzählung zudem für eine ganz bestimmte Gattung.

Was ist eine Gattung im Sinne der Literaturwissenschaft?

Mithilfe der Gattung versucht die Literaturwissenschaft, Texte in Gruppen einzuteilen. Allerdings gibt es letztlich keine eindeutigen, verbindlichen und unstrittigen Definitionen. Ein Grund hierfür ist, dass eine Einteilung anhand vieler verschiedener Kriterien möglich ist und je nachdem, welche Kriterien gerade angelegt werden, kann das Ergebnis sehr unterschiedlich ausfallen.

Ein anderer Grund ist, dass viele Texte so verfasst sind, dass es nahezu unmöglich ist, sie eindeutig zuzuordnen. Trotzdem gibt es zwei Ansätze, die üblicherweise die Grundlage für eine Einteilung bilden. Im klassischen Sinne meint der Begriff der Gattung die Dreiteilung in Epik, Lyrik und Dramatik.

Daneben beschreibt die Gattung eine weitere Unterteilung der drei großen Gattungen in beispielsweise Romane, Erzählungen, Balladen, Dramen, Komödien oder Kurzgeschichten. Goethe, auf den die klassische Dreiteilung im Wesentlichen zurückgeht, spricht hier von Dichtarten. Heutzutage wird stattdessen mitunter auch von Genres gesprochen.

Was ist eine Erzählung?

Geht es rein gattungsspezifisch gesehen um die Erzählung, ist es recht einfach, eine Erzählung zu schreiben und einen Text als Erzählung einzuordnen. Dies erklärt sich damit, dass im Prinzip alle Texte, die zur Epik gehören, auch Erzählungen sind. In anderen Worten ausgedrückt heißt das nichts anderes, als dass immer dann, wenn etwas erzählt wird, eine Erzählung entsteht. Ganz so einfach ist es dann aber doch wieder nicht.

Im engeren Sinne steht der Begriff Erzählung nämlich nicht nur als Oberbegriff für alle epischen Texte, sondern bezeichnet eine ganz bestimmte Gattung, ebenso wie auch ein Roman, eine Kurzgeschichte oder ein Drama eigene Gattungen mit spezifischen Regeln sind. Im Unterschied zu anderen Gattungen definiert sich eine Erzählung jedoch nicht durch mehr oder weniger klare und strenge Merkmale. Stattdessen ergibt sich die Definition der Erzählung durch die Abgrenzung von anderen Gattungen.

So ist eine Erzählung

·         kürzer, nicht so komplex und von weniger Figuren geprägt als ein Roman, ein Epos oder eine Saga.

·         ausführlicher und detaillierter als eine kurze Anekdote oder Skizze.

·         einfacher, leichter, lockerer und weniger auf nur ein oder zwei wesentliche Ereignisse konzentriert als eine Novelle.

·         nicht so sehr auf einem Spannungsbogen aufgebaut und weniger auf eine Pointe ausgelegt wie eine Kurzgeschichte oder eine Anekdote.

·         anders als ein Märchen, eine Legende, eine Fabel oder eine Sage nicht im Bereich der Phantasie und der Unwirklichkeit angesiedelt.

Erfüllt ein Text die Merkmale, die eine andere Gattung definieren, nicht oder nur in Teilen, handelt es sich um eine Erzählung. Eine Erzählung liegt somit immer dann vor, wenn der Text keiner anderen Gattung zugeordnet werden kann.

Wie wird eine Erzählung geschrieben?

Möchte jemand eine Erzählung schreiben und orientiert er sich an ihrer Definition, müsste er eigentlich nur einen Text verfassen, der die Merkmale einer anderen Gattung nicht aufweist. Nun konzentriert sich ein Autor aber in aller Regel auf das, was er schreibt, und nicht auf das, was er nicht schreiben möchte.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die typischen handwerklich-technischen Tipps rund ums Schreiben bei einer Erzählung nur bedingt anwenden lassen. Dies liegt daran, dass sich der Großteil aller Ratschläge darauf bezieht, interessante Geschichten entstehen zu lassen, die von einem oder mehreren Konflikten geprägt sind und von ihrem Spannungsbogen leben. Eine Erzählung hingegen lebt weder von ihrem Spannungsbogen noch von einem zentralen Konflikt. Stattdessen steht bei einer Erzählung tatsächlich das Erzählte im Vordergrund.

Das bedeutet, der Autor erzählt um des Erzählens Willen. Die Gefühle, die der Autor durch seine Erzählung beim Leser auslöst, entstehen in erster Linie durch das, was erzählt wird, und nicht dadurch, wie es erzählt wird. Das heißt natürlich nicht, dass eine Erzählung nicht auch spannend sein kann oder keinen Konflikt enthalten darf.

Im Unterschied zu einer Geschichte hat der Konflikt in einer Erzählung aber keine entscheidende Bedeutung und vor allem ist er nicht das Element, durch das sich der Spannungsbogen und damit die Struktur der Handlung entwickelt.

Neben einer eher schlichten und anschaulichen Sprache kennzeichnet sich eine Erzählung zudem häufig dadurch, dass sie von wahren, realen Begebenheiten erzählt. Ein typisches Beispiel für eine Erzählung ist eine Reiseerzählung, bei der der Autor über das Land und die Leute, seine Erlebnisse und seine Erfahrungen erzählt. Diese Inhalte stehen auch tatsächlich im Vordergrund.

Der Autor versucht also nicht, Spannung zu erzeugen oder den Leser durch eine konstruierte, ausgeklügelte Geschichte zu fesseln, sondern er möchte ihm unterhaltsam und anschaulich von seiner Reise erzählen. Meist wird er sich dabei übrigens auch für die chronologische Reihenfolge entscheiden, also so erzählen, wie er die Reise wirklich erlebt hat oder zumindest erlebt haben könnte. Aber auch wenn eine Erzählung auf den ersten Blick eher einfach gestrickt zu sein scheint, kann der Autor durchaus weitergehende Absichten verfolgen.

So kann er seine Erzählung so gestalten, dass er den Leser beispielsweise zum Träumen einlädt oder zum Nachdenken über einen bestimmten Sachverhalt anregt. In diesem Sinne kann sich eine Erzählung durchaus mit Inhalten beschäftigten, die über ihren eigentlichen Gegenstand hinausgehen und bisweilen viel Raum für Interpretationen lassen. Als Paradebeispiel hierfür sein auf Kafkas Erzählungen hingewiesen.

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