Sollten Kinderbuchklassiker politisch korrekt umgeschrieben werden?

Sollten Kinderbuchklassiker politisch korrekt umgeschrieben werden?

Als die Kinderbücher, die heute zu den Klassikern gehören, seinerzeit entstanden sind, war politisch korrekte Sprache kein großes Thema. Folglich enthalten Bücher wie Pippi Langstrumpf oder Jim Knopf durchaus klischeehafte Stereotypen. Teilweise taucht sogar das N-Wort auf. Pippi Langstrumpfs Vater etwa trägt als Herrscher über das Taka-Tuka-Land im Original den Titel „Negerkönig“. Mit Zustimmung von Astrid Lindgrens Erben wurde der Titel inzwischen in „Südseekönig“ geändert.

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Sollten Kinderbuchklassiker politisch korrekt umgeschrieben werden

Auch Otfried Preußlers Verlag hat vor einigen Jahren eine Überarbeitung vorgenommen und diskriminierende Begriffe ersetzt.

Sollten andere Verlage diesen Beispielen folgen? Sollten Kinderbuchklassiker umgeschrieben werden, damit sie nach heutigen Maßstäben politisch korrekt sind? Oder hat das literarische Erbe einen höheren Stellenwert als Debatten um einzelne Wörter?

Wir beleuchten, was für und gegen eine Überarbeitung spricht:

Was spricht dafür, Kinderbuchklassiker politisch korrekt umzuschreiben?

Öffentliche Diskussionen lenken zunehmend die Aufmerksamkeit darauf, welche Wirkung und Macht die Sprache hat. Befürworter politisch korrekter Sprache argumentieren, dass Formulierungen Einfluss darauf nehmen, wie wir über etwas denken.

Deshalb könnten diskriminierende Begriffe dazu beitragen, dass zum Beispiel ethnische Gruppen offen beleidigt werden oder sich ein Feindbild gegen sie entwickelt. Aus diesem Grund setzen sich einige Befürworter der politischen Korrektheit dafür ein, dass nicht nur die gesprochene, sondern auch die geschriebene Sprache stärker reflektiert wird.

Das gilt vor allem für Kinderbücher. Denn Kinder sind in ihren Ansichten und Werten noch weit mehr beeinflussbar als Erwachsene.

Als weiteres Argument für eine Überarbeitung der Kinderbuchklassiker führen die Befürworter an, dass Sprache schon immer einem Wandel unterlegen ist. Deshalb wäre es überhaupt kein Problem, sie an aktuelle Maßstäbe anzupassen.

Zudem verändert und entwickelt sich nicht nur die Sprache weiter, sondern auch das Bewusstsein für Anstand und Moral. Ob von politischer Korrektheit oder einfach einem respektvollen Miteinander die Rede ist, ist an dieser Stelle zweitrangig.

Denn letztlich geht es darum, dass weder Kinder noch Erwachsene Bücher lesen sollten, die es notwendig machen, zunächst die Sprache historisch-kritisch einzuordnen.

Dazu kommt, dass viele Begriffe, die heute dem Rotstift zum Opfer fallen müssten, auch schon früher oft als diskriminierend wahrgenommen wurden. So gab es zum Beispiel keine Zeit, zu der das Wort „Neger“ nicht beleidigend oder zumindest erniedrigend war.

Der Begriff war schon immer mit Kolonialismus, Gewalt und Sklaverei verknüpft. Nur wurde damals, als die Bücher geschrieben wurden, schlichtweg keine Rücksicht darauf genommen.

Was spricht dagegen, Kinderbuchklassiker politisch korrekt umzuschreiben?

Kritiker einer politisch korrekten Überarbeitung klassischer Kinderbücher argumentieren im Prinzip ähnlich. Auch sie sind der Meinung, dass die Bücher in dem historischen Kontext betrachtet werden müssen, in dem sie entstanden sind. Doch genau deswegen müssen sie gerade nicht den heutigen, modernen Ansprüchen an Sprache genügen.

Die Kritiker unterstellen den Autoren nicht, dass diese beabsichtigten, jemanden zu beleidigen oder zu diskriminieren. Stattdessen verwendeten die Autoren eben die Begriffe und Formulierungen, die seinerzeit gängige Praxis waren. Literarische Werke rückblickend zu zensieren, wäre deshalb ein Fehler.

Außerdem bemängeln viele Kritiker, dass der Rotstift viel zu früh angesetzt wird. Oft reicht schon die Vermutung, dass sich jemand verletzt fühlen könnte, um eine Korrektur zu rechtfertigen.

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Doch auf diese Weise entsteht eine Bereitschaft, sich schon im Vorfeld für jede erdenkliche Möglichkeit zu entschuldigen, die dem politischen Lektorat seine Ernsthaftigkeit nimmt.

Hinzu kommt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis eine neue Formulierung auch wieder als abwertend empfunden wird und eine erneute Überarbeitung notwendig machen würde.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, ob die Sprache wirklich so mächtig ist, wie viele annehmen. Die bemängelte Benachteiligung einer Minderheit wird schließlich nicht dadurch weniger, dass andere Wörter gefunden werden.

Um einer ethnischen Gruppe zu helfen, reicht es nicht aus, ihr neue Namen zu geben. Stattdessen ist erforderlich, sich im Alltag aktiv für Gleichberechtigung einzusetzen.

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Was wäre ein denkbarer Kompromiss?

Wenn es um die Überarbeitung von klassischen Kinderbüchern geht, haben beide Seiten gute Argumente. Doch die Frage, ob alle Kinderbuchklassiker politisch korrekt umgeschrieben werden sollten, ist damit nicht beantwortet.

Letztlich muss natürlich jeder Verlag selbst entscheiden, wie er sich zu dem Thema positioniert. Aber es gibt Mittelwege, die die gegensätzlichen Ansichten zumindest ein Stück weit zusammenbringen würden.

Ein Ansatz ist, die problematischen Wörter zwar beizubehalten, sie aber als Chance zu nutzen, eine Einordnung vorzunehmen. Die Formulierungen eröffnen Kindern die Möglichkeit, sich schon früh mit schwierigen Stereotypen zu befassen und einen moralischen Mehrwert daraus abzuleiten.

Fußnoten, Einschübe oder Kommentare als entsprechende Erklärungen könnten die Auseinandersetzung anregen.

Ein anderer Weg ist, dass Eltern oder Lehrer die Bücher gemeinsam mit den Kindern lesen und ihnen erklären, dass bestimmte Wörter heute nicht mehr verwendet werden und weshalb sie jemanden verletzen könnten.

Daneben wäre möglich, Kinderbuchklassiker in zwei Versionen zu verlegen, nämlich einmal im Original und einmal mit angepasster Sprache. Ein Hinweis auf dem Buch würde informieren, um welche Version es sich handelt.

Die Eltern könnten auf diese Weise selbst entscheiden, welche Fassung ihre Kinder lesen sollen. Gleichzeitig würde das historische Erbe der Kinderliteratur erhalten bleiben.

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Gerd Traube, studierter Germanist und Buchautor, geboren 1966, Michaela Lange, geboren 1978, Deutschlehrerin und Privatautorin, Canel Gülcan -Studentin Lehramt Deutsch/Germanistik, sowie Ferya Gülcan Redakteurin und Betreiberin dieser Seite, schreiben hier für Sie/euch alles Wissenswerte zum Thema Schreiben. Ob für Schule, Beruf, angehende Schriftsteller oder Redakteure, wir hoffen, dass unsere Übungen und Anleitungen Ihnen weiterhelfen.

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