Wie die Sprache das Denken beeinflusst

Wie die Sprache das Denken beeinflusst

Die Sprache ist vielseitig und facettenreich. Sie hat Einfluss darauf, wie wir eine Aussage verstehen und Dinge einordnen. Die Werte, die Ansichten und die Prägungen gehen oft mit der Muttersprache und der dazugehörigen Kultur Hand in Hand. Und die Sprache ist ein überaus wirksames Instrument, das Menschen verbinden, aber auch spalten kann.

Wie die Sprache das Denken beeinflusst

Wie die Sprache die Kultur widerspiegelt

Je nachdem, wo eine Person aufgewachsen ist, sieht und erklärt sie Dinge anders. Es hängt von der Muttersprache ab, wie sich Leute zum Beispiel begrüßen, anreden, verabschieden oder sich sagen, dass sie sich mögen. Dabei fließen die Ansichten der jeweiligen Kultur mit hinein.

Möchte etwa ein Franzose ausdrücken, dass er jemanden vermisst, sagt er: „Tu me manques.“ (Du fehlst mir.) Die Aufmerksamkeit liegt nicht auf der Person, die jemanden vermisst, sondern auf der Person, die vermisst wird.

Denn der Sprecher legt den Fokus auf das „Du“. Zusätzlich dazu drückt der Franzose durch das „mir“ aus, dass die vermisste Person ein Teil des Sprechers ist und ihm als solcher fehlt.

Im Unterschied dazu heißt es im Englischen: „I miss you.“ (Ich vermisse dich.) Hier steht der Sprecher im Mittelpunkt, denn er formuliert die Aussage als Ich-Satz.

Gleichzeitig ist die Bindung weniger stark. Die vermisste Person ist kein Teil des Sprechers, der ihm fehlt, sondern wird einfach nur vermisst.

Ein anderes Beispiel, das zeigt, wie die Kultur die Sprache beeinflusst, ist das spanische „sobremesa“. Zur spanischen Esskultur gehört es, ausgiebige Essen mit der Familie und mit Freunden zu zelebrieren.

Nach dem Essen bleiben die Leute am Tisch sitzen und unterhalten sich über alles Mögliche. Dieses Gespräch nach dem Essen beschreibt das Wort „sobremesa“. Und weil es sich um eine spezielle, kulturspezifische Gewohnheit handelt, gibt es das Wort nur im Spanischen.

Wie die Sprache unterschwellige Informationen vermittelt

Die Kultur der Heimat mit ihren Traditionen und Gepflogenheiten schlägt sich in der Sichtweise auf Dinge und in der Sprache nieder. Ein Mensch denkt und spricht so, wie er es von klein auf gelernt hat. Aber eine Sprache drückt nicht immer nur konkrete Botschaften aus, sondern kann auch unterschwellige Aussagen enthalten.

Wenn jemand zum Beispiel sagt „Mir ist kalt“, kann sein Gesprächspartner davon ausgehen, dass die Person tatsächlich friert. Je nach Situation kann die Person durch die Aussage aber eigentlich auf etwas anderes abzielen, auch wenn sie diese Absicht nicht ausdrücklich erwähnt.

Sitzen die beiden Personen beispielsweise auf dem Sofa und ist das Fenster geöffnet, kann die eine Person lediglich zur Kenntnis nehmen, dass sein Gegenüber friert.

Genauso kann die Person aber auch aufstehen und das Fenster schließen. Und genau das ist, was die frierende Person durch ihren Hinweis vermutlich erreichen wollte.

Sitzen die beiden Personen aber bei einem romantischen Rendezvous auf einer Parkbank, kann der Gesprächspartner unterschiedlich reagieren. So kann er vorschlagen, zu gehen, der frierenden Person seinen Pullover anbieten oder die frierende Person an sich drücken und wärmen.

Vermutlich wollte die frierende Person durch ihren Hinweis erreichen, dass sie ihr Gegenüber in den Arm nimmt. Doch genauso ist denkbar, dass die Person das Frieren nur als Vorwand nimmt, um das Date auf höfliche Art zu beenden.

Wie die Sprache das Denken beeinflusst

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Die Sprache ist allgegenwärtig. Ständig prasseln Worte und Informationen auf uns ein. Mal ist es eine Meldung in den Nachrichten, mal eine Werbung, mal eine Aussage des Gesprächspartners und mal eine Schlagzeile in der Zeitung.

Wir nehmen die Botschaften wahr und prägen sie uns teils bewusst und teils unbewusst ein. Das wiederum kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben.

Hört eine Person zum Beispiel beiläufig immer wieder, dass sie gut kochen kann, wird sie diese Info früher oder später abspeichern. In der Folge wird sie sich in diesem Punkt sicherer und selbstbewusster fühlen.

Schnappt eine Person bei einem Gespräch nebenbei etwas auf, merkt sie sich die Info vielleicht und kommuniziert sie bei anderer Gelegenheit. Doch auf diese Wiese können Gerüchte entstehen.

Denn wenn eine zufällig aufgeschnappte Info ungeprüft weiterwandert, kann sie sich zunehmend verändern und irgendwann zu einer völlig anderen Version entwickeln.

Ein gutes Beispiel dafür, wie mächtig Sprache sein kann, ist die Flüchtlingsthematik. Hier wurde und wird immer wieder das Wort “Welle” verwendet. Aber eine Welle ist etwas, das mit hoher Geschwindigkeit und voller Wucht auf einen zukommt.

Eine Welle lässt sich nicht kontrollieren, sondern bahnt sich ihren eigenen Weg und kann eine Überschwemmung auslösen. Übertragen auf die Flüchtlingswelle im Jahr 2015 heißt das, dass auf einmal tausende Flüchtlinge unkontrolliert Europa überrollt haben.

Gleichzeitig hat das ständig bemühte Wort die Sichtweise beeinflusst. Denn das Wuchtige und Unkontrollierbare, das mit einer Welle einhergeht, ist tendenziell gefährlich und damit negativ.

So entstand ein Bild von Flüchtlingen, die in Horden ankommen, Europa überschwemmen und unkontrolliert alles einnehmen. Ein Vorurteil war geboren, das Skepsis und Unmut zur Folge hatte.

Am Beispiel der Flüchtlingswelle wird deutlich, wie mächtig ein einzelnes Wort sein und wie sehr es unsere Denkweise beeinflussen kann, wenn es gezielt eingesetzt wird.

Warum es so wichtig ist, Sprache mit Bedacht einzusetzen

Die Sprache macht dort weiter, wo die Mimik und die Gestik an ihre Grenzen stoßen. Sie ist das wichtigste Instrument, um zu kommunizieren und Informationen zu vermitteln.

Durch die Sprache zeigt der Sprecher, wer er ist, wo er herkommt, welche Kultur ihn geprägt hat und welche Ansichten er vertritt. Die sprachlichen Wurzeln legen den Grundstein dafür, wie der Sprecher etwas einordnet, bewertet, auffasst und wiedergibt.

Die Sprache kann neue Welten eröffnen und Brücken schlagen. Aber sie kann auch sehr gefährlich sein, wenn sie manipuliert und negativ beeinflusst. Deshalb ist es für Autoren, Texter und Journalisten, aber auch im alltäglichen Miteinander sehr wichtig, darüber nachzudenken, was wie gesagt wird.

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Gerd Traube, studierter Germanist und Buchautor, geboren 1966, sowie Michaela Lange, geboren 1978, Deutschlehrerin und Privatautorin, sowie Ferya Gülcan Redakteurin und Betreiberin dieser Seite, schreiben hier für Sie/euch alles Wissenswerte zum Thema Schreiben. Ob für Schule, Beruf, angehende Schriftsteller oder Redakteure, wir hoffen, dass unsere Übungen und Anleitungen Ihnen weiterhelfen.

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